Zwischen St. Johannis und Neuwetzendorf – Ein Spaziergang auf der Brückenstraße

//Zwischen St. Johannis und Neuwetzendorf – Ein Spaziergang auf der Brückenstraße

Zwischen St. Johannis und Neuwetzendorf – Ein Spaziergang auf der Brückenstraße

Lust auf einen kleinen Ausflug durch St. Johannis? Dann haben wir eine reizvolle Route für Sie, leider im Endspurt etwas beschwerlich, dafür aber gespickt mit kleinen und großen Schätzen Johanniser und Nürnberger Stadt-, Kultur- und Architekturgeschichte.

Beginnen wir unseren Spaziergang an der Südseite der Johannisbrücke im Stadtteil Kleinweidenmühle. Von hier aus bietet sich dem Betrachter ein malerischer Blick auf die Pegnitzauen und die Stadtteile Sandberg und St. Johannis.

Wer heute die Johannisbrücke mit ihrer zigfach erneuerten Asphaltdecke überquert, nimmt kaum wahr, dass es sich bei ihr um ein historisches Bauwerk handelt. Erst der Blick vom Pegnitzgrund aus offenbart ihre volle Pracht. Nachdem die Stadt bereits 1893 einen behelfsmäßigen Übergang hatte errichten lassen, entstand 1895 bis 1896 die bestehende Bogenbrücke mit drei Gewölben aus Muschelkalkquadern, die wegen des stumpfen Winkels, in dem Straße und Fluss hier aufeinandertreffen, verzogen sind. Schöpfer des Verkehrsdenkmals ist der in Diensten des städtischen Tiefbauamtes stehende Ingenieur Heinrich Landwehr.

Die Johannisbrücke, 1920 von der Reutersbrunnenstraße aus fotografiert. Foto: Stadt Nürnberg, Tiefbauamt (Sammlung Sebastian Gulden)

Die Johannisbrücke, 1920 von der Reutersbrunnenstraße aus fotografiert. Foto: Stadt Nürnberg, Tiefbauamt (Sammlung Sebastian Gulden)

Die neue Flussquerung hatte Auswirkungen weit über die Erleichterungen für den Verkehr zwischen den beiden Stadthälften hinaus: Da ist zum einen natürlich der Name der Brückenstraße, die nicht immer so hieß – doch dazu später. Zum anderen gab Wirt Johann Schmidt, der um 1900 seine Bierwirtschaft in dem gerade fertiggestellten Haus Wiesentalstraße 1 eröffnete, seinem Etablissement kurzerhand den Namen „zur Johannisbrücke“. Mag auch die Kneipe ihren Namen vielfach gewechselt haben, das alte Haus steht noch heute da, wenngleich die Vereinfachung des Bauschmucks und eine Aufstockung um gleich zwei Stockwerke der Erscheinung des Neorenaissance-Baus nicht gerade zum Vorteil gereichen.

Das Eckhaus Wiesentalstraße 1, aufgenommen 1915. Foto: unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)

Das Eckhaus Wiesentalstraße 1, aufgenommen 2018. Foto: Boris Leuthold

Bis zur Eingemeindung 1899 lag vor dem Gartenzaun der Wiesentalstraße 1 und weiter nordwärts zwischen den Anwesen an der Brücken- und der Sandbergstraße die Nürnberger Stadtgrenze zu Wetzendorf, genauer gesagt zum Ortsteil Neuwetzendorf. Heute ist der Name „Neuwetzendorf“ weitgehend in Vergessenheit geraten, und die meisten Nürnbergerinnen und Nürnberger kennen das Gebiet nur mehr unter der Flurbezeichnung „Sandberg“. Leider, erzählt die ursprüngliche Bezeichnung doch davon, wie sich eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Vorortgemeinde dank Industrialisierung und Stadtnähe zu einer urbanen Siedlung wandelte, um schließlich von ihrer großen Schwester geschluckt zu werden.

An der Ostseite des Brückenkopfes erinnert heute nur noch der Name der Wohnanlage „Lyra-Park“ daran, dass dort dereinst ein wichtiges Kapitel Nürnberger Industriegeschichte geschrieben wurde: Hier lagen die Gebäude der ältesten Johanniser Bleistiftfabrik. Mit ihrer Gründung 1806 – damals noch in Gostenhof – legte Johann Froescheis den Grundstein für seinen steilen Aufstieg vom einfachen Goldschläger zum Großfabrikanten. Von den Werksbauten mit ihren in großen Stichbogenfenstern geöffneten Klinkerfronten ist nach dem Umzug des Unternehmens nach Gebersdorf 1987 nichts geblieben, auch nicht der frühere Holzlagerplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sich heute eine Tankstelle befindet. Das gewaltige, bis zum Zweiten Weltkrieg von einem Schweifgiebel geschmückte Werksgebäude an der Einmündung der Großweidenmühlstraße wurde in den 1990er Jahren durch das Geschäftshaus „Johannisturm“ mit seinem gläsernen Risalit auf ovalem Grundriss – die „Schwangere Auster“ von Nürnberg, wenn man so möchte – ersetzt.

Von der Fabrik zum Geschäftshaus: Die Ecke Brücken- und Großweidenmühlstraße 1930. Foto: unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)

Von der Fabrik zum Geschäftshaus: Die Ecke Brücken- und Großweidenmühlstraße 2019. Foto: Sebastian Gulden

Ein Stück Nürnberger Stadthistorie und Geschichte der modernen Hygienik hat sich dagegen – dem Engagement des Arbeitskreises „Begegnungsstätte in St. Johannis“ sei Dank – gleich nebenan bis in unsere Zeit hinüberretten können, wenn auch versteckt hinter einer hohen Mauer und alten Laubbäumen: Die „Desi“, 1884 als zentrale Desinfektionsanstalt im Kampf gegen Cholera, Tuberkulose und andere Ansteckungskrankheiten erbaut, ist heute ein über den Stadtteil hinaus bekanntes und beliebtes Kulturzentrum. Die roten Backsteingebäude, deren Bauschmuck einzig und allein aus der kunstvollen Anordnung der genormten roten Ziegel besteht, besitzen die typische Formensprache der Industriearchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die man so oder so ähnlich in vielen Teilen der Welt – in Europa ebenso wie in Russland, Japan oder den USA – findet.

Wie hoch der Johannisfriedhof über dem Tal der Pegnitz liegt, sieht und spürt man im weiteren Verlauf des Spaziergangs auf der gen Norden merklich ansteigenden Brückenstraße. Eine gewaltige Futtermauer war nötig, um das Erdreich und die aus Sandsteinquadern gefügte Außenwand der Leichenhalle des angrenzenden Friedhofes gegen die Straße abzustützen. Dieser Leichenhalle, die in ihrer heutigen Form zwischen 1852 und 1900 entstand, verdankte die Straße ihren ursprünglichen Namen „Leichenhausgasse“. An dem störte sich kaum jemand, bis mehr und mehr Wohnhäuser an der Straße entstanden und die Anwohner sich 1897 mit der makabren Anschrift nicht mehr abfinden wollten.

Den strahlenden Abschluss der Brückenstraße, den Point de vue, bildet das mächtige Eckhaus Kirchenweg 68, ein heute unter Denkmalschutz stehender Sandsteinbau im feinsten Nürnberger Stil, in dem sich Elemente der späten Gotik und der Renaissance miteinander mischen. Architekt Georg Philipp Höfler errichtete es im Jahre 1899, als sich St. Johannis vom verschlafenen Vorort zu einer geschäftigen Vorstadt mit großstädtischer Bebauung wandelte. Eine Botin der neuen Ära war einst die „Dampf-Wäscherei“ im Erdgeschoss. Es handelte sich um eine Filiale der Nürnberger Firma August Scholl, die sich vom Familienbetrieb im Jahre 1888 zur Wäschefabrik mit rund 300 Mitarbeitern im Jahre 1930 mauserte.

Die Brückenstraße mit Blick zur Einmündung in die Johannisstraße, aufgenommen um 1930. Foto: Verlag Ludwig Schaumann (Sammlung Werner Jülka)

Die Brückenstraße mit Blick zur Einmündung in die Johannisstraße, aufgenommen 2016. Foto: Boris Leuthold

An Stelle des hünenhaften Neubaus links daneben (Johannisstraße 70) stand früher ein hübsches Vorstadthaus im Stil des späten Klassizismus. Conrad Albrecht hatte es 1884 von Maurermeister Ludwig Metzger errichten lassen. Während Albrecht im Erdgeschoss seine Privatwohnung mit angeschlossenem Spezereiladen einrichtete, vermietete er die vier mit Etagen-Toiletten ausgestatteten Einheiten im Obergeschoss und der Mansarde. Das zuletzt verlotterte und verlassene Gebäude erlangte stadtweite Bekanntheit, als 30 junge Leute es am Heiligen Abend 1980 besetzten. 17 von ihnen musste die Polizei im Februar des Folgejahres aus dem Gebäude tragen. Sie hatten sich bis zuletzt geweigert, den noch immer höchst ansehnlichen Altbau der Abrissbirne anheimzugeben. Geholfen hat all das leider nichts. Und doch: Jenen Menschen, die sich mit dem Raubbau an unserer Stadt und unserem urbanen Leben nicht abfinden wollten, verdanken die Johanniser und ihre Gäste vieles – so manch gerettete alte Villa und so manch grüne Oase, die ohne den zivilen Ungehorsam der Bürgerinnen und Bürger unter die Räder des Immobilienbooms geraten wären.

Doch das ist eine andere Geschichte für einen anderen Rundgang durch St. Johannis. Es gibt noch vieles zu entdecken!

Sebastian Gulden

2019-08-19T12:28:51+01:00